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Krasnodar

Sprach- und Kulturreise nach Russland im April 2026

Die Frage, die sich vermutlich so einiger von euch stellt: Warum macht man eine Reise nach Russland? Vor allem in dieser Zeit? Bereits seit 2018 habe ich den Entschluss gefasst, Russland zu besuchen und die Sprache ein wenig zu erlernen. Die Geschichte des Landes und seiner Menschen hat mich schließlich schon immer fasziniert. Weder die Mongolen, Polen-Litauen, Frankreich unter Napoleon oder Deutschland unter Hitler konnten dieses riesige Reich mit seinen unermesslichen Ressourcen dauerhaft unterwerfen. Dazu dann später noch eine kleine Randnotiz, da es sich aktuell in eine sehr bedauerliche Richtung entwickelt hat, deren Eskalationsende offenbar noch nicht erreicht ist. Auf jeden Fall scheint die Leidensfähigkeit des russischen Volkes und seine tiefe, fast schon spirituell anmutende Verbindung mit seinem Land historisch gesehen undenkbar hoch zu sein. 

Wieso ging meine Reise aber nicht die allseits bekannten Städte, wie Moskau oder St. Petersburg? Die wären mir zu stressig und ich mache ungern was die meisten machen. Zudem wollte ich jene Gegend erspüren, aus der unsere indoeuropäischen Ur-Ur-Ur (und noch ein paar mehr Ur's) Vorfahren einst in alle Richtungen aufbrachen, um die gesamte Nordhalbkugel und darüber hinaus zu besiedeln.

Vorbereitungen

Nach kurzer Internet Recherche fand ich 2022 die Sprachschule Moya Rossiya und verfolgte laufend deren Inhalte. Seit 2025 ist hier auch die Konrad Duden Schule aus Krasnodar im Boot. Ich kontaktierte den Leiter Grigory Perepelitsyn letztes Jahr im Juni via E-Mail und Telegram. Nachdem die Anreise auf Grund der Sanktionen nicht direkt möglich war, buchte ich einen Flug über Istanbul. Den Flug Istanbul-Krasnodar buchte mir Grigory, da ich hier keine Zahlungsoption hatte. Ich überwies ihm den Betrag über Toncoin, einer Telegram-Währung. Das E-Visa für 30 Tage erhielt ich ich mit 15min Aufwand nach 3 Tagen. Das war's!

1. April 

Ankunft in Krasnodar

Nach einem Flug über Istanbul bin ich abends in Krasnodar gelandet. Leider ist die Aeroflot Maschine mit 2 Stunden Verspätung gestartet, aber alles in allem sehr unproblematisch. Und lieber so, als den Anschluss zu verpassen. Flugzeit MUC-IST beträgt 2,5 Std, IST-KRR waren es 1 Std 45 Min.


Für eine mittlerweile fast 2,5 Millionen Stadt (2020 waren es noch ca. 1 Million!) ist der Flughafen klein und angenehm überschaubar. Polizei bzw. Zoll haben meinen Pass sehr genau kontrolliert, sogar mit einer Lupe. Ich habe jedoch ohne Probleme einreisen können. Grigory - der Leiter der Sprachschule - hat mich dann am Flughafen abgeholt und mich in mein Apartment im Stadtzentrum gefahren. Mein geräumiges Zimmer liegt im 11. Stock des großen Wohnkomplexes "Center Goroda" im Zentrum der Stadt. Sogar mit Balkon hat es geheißen, doch ich habe festgestellt, dass damit ein Erker gemeint ist. Für meine abendliche Zigarette musste ich also wieder ins Erdgeschoss, aber zum Umschauen war mir das eh recht. Dort befindet sich ein Einkaufszentrum mit allen möglichen Geschäften und einem Supermarkt, wo ich mich gleich mit dem Nötigsten eindecken konnte (Grigory hat bezahlt, weil ich noch kein Rubel hatte).


2. April

Pünktlich um 9:00 war der Start in der Sprachschule, welche nur ca. 200m weit von mir entfernt liegt. Am Weg dorthin unterlief mir sogleich ein unangenehmes Missgeschick. Ich hatte ja noch keine Rubel gewechselt und musste daher auf meinen Morgen-Espresso verzichten. Beim Verlassen der Wohnung lag dann schicksalhaft ein 1000 Rubel (ca 10€) Schein im Gang. Voller Freude startete ich zum Julius Meindl Kaffeestand vor dem Wohnkomplex und bestellte einen Espresso. Ich reichte der Verkäuferin den Schein, woraufhin sie mich etwas entgeistert musterte. Als ich sie weiterhin verständnislos ansah, wurde sie auch noch unfreundlich. Da stellte sich heraus, der Rubelschein war eine Fälschung. Peinlich berührt bin ich wieder gegangen.


An der Schule stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass ich der einzige Schüler dort bin und somit praktisch Privatunterricht von Ekaterina - meiner Russisch-Lehrerin - erhalte. Nachdem ich mich etwas vorbereitet hatte (mit Lesen und Babel bis A2) kommen wir recht gut voran. Der Kurs dauert normalerweise von 9:00-13:00, heute machen wir jedoch um 12:00 Schluss, weil Grigory eine Stadtführung mit Sergei (der auch Dolmetscher des Gouverneurs der Oblast Krasnodar/Kuban ist) organisiert hat. Grigory hat ihn motiviert, da eine wichtige Person aus Österreich auf Besuch ist 🙈.


Krasnodar wurde 1793 von aus der Ukraine übersiedelten Kosaken gegründet, nachdem ihnen das Land von Katharina II im Gegenzug zu Kriegsdienstleistungen übertragen wurde. Ihr zu Ehren wurde die Stadt "Jekaterinodar" (das Geschenk Katharinas) genannt (vgl. O'Rourke, The Cossacks, Manchester University Press, 2007). Nach der Einnahme durch die rote Armee 1920 wurde die Stadt in "Krasnodar" (also "Rotes Geschenk") umbenannt (vgl. Saunders, Historical Dictionary of the Russian Federation, Scarecrow Press, 2010). Da früher das russische Wort "krasnij" auch die Bedeutung von "schön" hatte, konnten auch die konservativen Kreise gut mit diesem Namen leben (vgl. Wade, The Russian Language Today, Cambridge University Press, 2010).


Beeindruckend sind für mich die vielfältigen Architekturstile, von historisch, über kommunistische Plattenbauten bis zu modernen Wolkenkratzern.

3. April

Nach der Sprachschule ging ich in den Foodmarket Mittagessen. Hier gab es alle möglichen Stände und Geschmacksrichtungen aus verschiedensten Regionen (China, Japan, Mexiko, Tadschikistan, Usbekistan, Pakistan...). Das Ambiente erinnerte ein wenig an einen Markt oder Basar mit viel Leuchtmitteln, aber durchaus angenehm, wie auch meine SpareRibs mit Pommes ;) (600R).

Danach bin ich weiter durch die Stadt spaziert - erstaunt von der Vielzahl an Einkaufszentren, Supermärkten, Geschäften und Kaffees. Und nach dem Heumarkt, ein Markt mit einheimischen Naturprodukten, bin ich zurück nachhause um meine Hausaufgaben zu machen und zu arbeiten.

Am Abend ging ich noch in ein nicht weit entferntes Irish Pub, in dem mir der Kellner ein Bier servierte. Aber nicht irgendeines - sondern das gute alte Salzburger Stiegl.

5. April

Bei mäßigem Wetter und leichtem Regen mache ich mich auf die Stadt ein wenig zu Fuß zu erkunden. Ich begebe mich zum Fluss Kuban - der namengebend für die Gegend ist und den größten Teil des nördlichen Kaukasus als Einzugsgebiet hat. Auf dem Weg dorthin finde ich ein Denkmal von Ilja Repin mit einer Darstellung der Saporoger Kosaken und ihrem Schmähbrief an den osmanischen Sultan Mehmed IV. Gerade in der heutigen Zeit wird mir immer wieder bewusst, wie sehr ich die Rolle der freiheitsliebenden Underdogs liebe. Fast nichts ist schlimmer als diese beständige Unterwürfigkeit aus Feigheit und Bequemlichkeit.


Über die "Brücke der Küsse" (Мост Поцелуев) erreiche ich das Kriegstechnik Museum "Waffe des Krieges". Die relativ mickrige Bauart russischer Militärtechnik hat mich verwundert. Allerdings hat die niedere Kontur und damit schwerere Zielerfassung für den Feind und die Produktion in hohen Massen auch Vorteile, wie letztlich im 2. Weltkrieg auch praktisch bewiesen wurde. 

6. April

Wie immer Start um 9:00 Uhr mit meiner Lehrerin Katja in der Sprachschule. Nachdem wir es die ersten zwei Tage etwas ruhiger angegangen sind, wurde heute gefühlt mit Vollgas durchgestartet - zumindest hat sich mein Kopf danach so angefühlt. Das Schöne am Einzelunterricht ist, dass Katja auf meine individuellen Fragen und Interessen besser eingehen kann, als es in einer normalen Klasse möglich wäre.

Das Wetter ist leider nach wie vor schlecht. Es hat sogar etwas geschneit, was für Krasnodar im April untypisch ist. Daher nehme ich die Gelegenheit wahr und schlendere - ohne Rausgehen zu müssen - durch die etwa 400 Geschäfte in meinem Wohn-Komplex. Als Beispiel auch das Angebot eines kleinen(!) Supermarktes. Nach leeren Regalen und Versorgungsproblemen sieht mir das nicht aus, aber womöglich wurde dieses potemkinsche Dorf extra für diesen einen Touri aus Österreich gebaut 😉.

7. April

Tag verregnet, den geplanten Ausflug in den Park haben wir verschoben. Viel gelernt und gearbeitet. Übrigens arbeite ich jeden Tag, beschränke mich aber eher auf koordinative Angelegenheiten und Kommunikation - etwas, was ich auch zu Hause mehr machen sollte.

8. April

Genau wie gestern. Nachdem ich jedoch wegen Russisch lernen diese Reise geplant habe, macht es mir nicht viel aus. Bei Regen habe ich umso mehr und intensiver Zeit dazu - immerhin gibt mir Katja auch täglich дома́шнее зада́ние, д/з (Hausaufgaben) auf. Diese Art der Abkürzungen scheinen die Russen zu lieben, zum Beispiel auch б/а für "ohne Alkohol".

Das Highlight eines solchen Tages ist da schon das Mittagessen im Foodcenter. Dort gibt es tatsächlich einfache, aber feine kulinarische Köstlichkeiten (den Burger meine ich jetzt nicht).

9. April

Themen im Unterricht waren Familie und Hobbys. Sonst nichts Neues im Osten - Wetter immer noch sch...!

Am Abend streife ich noch durch das etwas entfernter gelegene Barviertel (ca. 3km). Zwei Pubs sind ganz nett, jedoch bin ich um diese Zeit fast der einzige Gast. In Malaga habe ich "mein" La Tranca sehr genossen. Auch wenn ich mir keine Bar in dieser Art erwartet habe, fehlt mir ein gemütliches Bier-Pub in der Nähe meiner Wohnung. Ich genieße es einfach zum Runterkommen in Ruhe ein Bier zu trinken, in Gedanken zu streifen, gute Musik zu hören und den ein oder anderen Small-Talk zu führen. 100 Schnösel Cafés und ihre wetteifernde Gucci-Gemeinde können das nicht wettmachen😉.

Alarm iPhone Store gesichtet

10. April

Nach dem Unterricht holt mich Grigory ab und wir fahren gemeinsam mit Mark (einem jungen russischen Deutsch-Studenten, weil er in Österreich chinesisch lernen will 🤔😅) in das Automuseum Музей СССР и ретро-автомобилей. Ich bezeichne mich nicht gerade als Autobegeisterten, aber die persönliche Führung durch die Zeit der CCCP mit ihren Ladas und den westlichen Gegenstücken von Ford und Chevrolet hat mich ziemlich beeindruckt. Noch beeindruckender waren die liebevollen Details und die dahinterliegenden Geschichten, mit denen sowohl die Ausstellungsstücke selbst, wie auch jeder cm der Wände be- und erfüllt waren. Von persönlichen Minifotoalben ehemaliger Wehrmachtssoldaten, über Grammophone mit zeitgenössischer Musik bis hin zu einem Hut von Al Capone ist hier alles zu finden. Zum Abschluss läutete der Museumsführer eine gegossene Glocke und meinte, dass wir doch alle nur Frieden wollen.

11. April

Reise in den Kaukasus

Noch um 23:45 des 10. Aprils starteten wir mit dem Kleinbus Richtung Dombai, was in der Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien liegt. Nach ca. 7 Stunden Fahrzeit über Maikop und Mostowskoi und einer schlaflosen Fahrt bei teilweise extremen Schneefall kamen wir in der Früh in Dombai an. Es schneite auch hier winterlich und die Berge waren wolken- und nebelverhangen.


Alles in allem war der erste Eindruck, in einem winterlichen Tourismus-Skiort in Tirol gelandet zu sein. Ich nutzte die Gelegenheit, an einem Marktstand eine tscherkessische Papacha zu kaufen, um diese Gedanken schnell auszutreiben 😊. Als die Bahn öffnete, fuhren wir mit dem von Doppelmayr gebauten Lift um 2.500R auf über 3000m. Das Wetter war ungemütlich, windig und kalt. Nichts konnte jedoch vor allem Grigorys gute Laune trüben.

Nachdem das Wetter nicht aufklärte und wir nicht auf das Plateau fuhren konnten, um einen Blick auf den Elbrus, den höchsten Berg Europas zu erhaschen, hat Grigory eine Exkursion mit einheimischen Führern organisiert. Mit ihnen haben wir zwei über 1000 Jahre alte christlich-orthodoxe Kirchen (Сентинский храм, Шаонинский храм) in den Bergen besichtigt.

Bereits müde von frischer Luft, Höhe und vielen zurückgelegten Schritten, freuten wir uns endlich auf eine Stärkung durch eine traditionelle, einheimische Küche. Genauer kann ich es nicht sagen, aber es war eine Hühner-Kartoffel-Käse-Suppe und eine Art Pizzateig mit verschiedenen Füllungen, wiederum aus Kartoffeln, Käse, Rindfleisch und so etwas wie Spinat. Wie erwartet waren in der Suppe durchaus Knochen und abzunagende Knorpel dabei, aber trotzdem hat es gut geschmeckt.

Bei etwas besserem Wetter machten wir uns auf den Weg zurück. Im Auto übermannte dann doch einige von uns der Schlaf von einem anstrengenden Tag.



In jedem Fall hat sich der Ausflug trotz des "schlechten" Wetters gelohnt und ich konnte interessante und schöne Erfahrungen sammeln. Grigory ist enorm bemüht und gut darin, dass sich seine Gäste wohl fühlen und er ihre individuellen Ansprüche erfüllt.

12. April

Gut ausgeschlafen ...

Ein ausgewogenes Frühstück in "meiner" Bäckerei, die etwas teurere Köstlichkeiten anbietet - es gab gebratenen Topfen, Marmelade, ein Schinken-Käse Croissant und ein Käseomelette.


Blog geschrieben, Hausaufgaben erledigt und gelernt. Wetter ist aprilhaft. Mehrmals am Tag wechseln sich Regen und beinahe wolkenloser Himmel ab. Am Abend habe ich noch ein ausgezeichnetes, tschechisches Kosel-Bier getrunken.

13. April

Heute ist das Wetter etwas wärmer, trotzdem immer wieder Regen. Grammatik aufbereitet.

Blick in den Unterricht:

14. April

Besuch beim Frisör, einem 28-jährigen Russen mit kasachischem Vater und einer aus Usbekistan nach Nord-Korea ausgewanderten Mutter.

Fürs Haare waschen, schneiden und Bart stutzen, bezahlte ich 2.000R.

15. April

Heute haben wir uns im Museum getroffen, um von Valerie eine Führung über die Regalien der Kosaken zu erhalten. Unter den Regalien versteht man eine Sammlung von Artefakten, die die Kosaken im Laufe der Zeit gesammelt oder von den Zaren erhalten haben. Nach der Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg, flüchteten viele Kosaken mit diesen in den Westen (vgl. O'Rourke, The Cossacks, Manchester University Press, 2007). Seit ca. 1990 versucht man diese wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück zu holen. Ein zentraler Ort mit einer starken Exil-Gemeinde, den ich mit 17 Jahren besuchen konnte und wo ich tatsächlich den ersten Kosaken kennen lernte - nicht wissend wie sich der Kreis schließt - ist New Jersey. Hier gibt es auch ein Museum, welches die meisten Exponate an die Heimat zurück gegeben hat (vgl. Stephan, The Cossack Diaspora 1917–1991, Hoover Institution Press).

Den allerwenigsten dürfte auch der traurige Bezug der Kosaken zu Tirol bekannt sein. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden die für die Wehrmacht kämpfenden Kosaken, trotz Ehrenwort eines englischen Offiziers, von den Engländern an die Sowjetunion ausgeliefert. Viele Kosaken, inklusive Frauen und Kinder, ertränkten sich lieber in der Drau bei Lienz (vgl. Tolstoy, Victims of Yalta, Hodder & Stoughton, 1977). Im Übrigen hat sich der kommandierende deutsche Offizier und oberste Feldataman Generalleutnant Helmut von Pannwitz aus Loyalität zu seinen untergebenen Kosaken den Sowjets freiwillig gestellt und wurde von diesen hingerichtet (vgl. Bethell, The Last Secret, Basic Books, 1974, in Wikipedia nicht erwähnt). 

Neben vielen historischen Fakten, die jeder Interessierte nachlesen kann, wurden auch die reiterlichen Fähigkeiten der Kosaken - den sogenannten Djigitten - erwähnt. Einer der Gründe, warum ich mit 10 Jahren zu Voltigieren begann: Ich wollte so reiten können wie Indianer und Mongolen (von den Kosaken wusste ich noch nichts)😆.

Am Abend habe ich mich noch aufgerafft, in den einige Kilometer entfernten Pub-Bereich zu gehen (50 Min hin, 50 Min zurück). In einem Irish-Pub lief gerade das Champions League Spiel FC Bayern gegen Real Madrid. Hätte ich gewusst wie spannend das wird, wäre ich vermutlich geblieben. So bin ich nach dem ersten Anschlusstreffer der Bayern gegangen. Die russischen Zuschauer jubelten auf alle Fälle bei jedem Tor.


16. April

Ein lokaler Stromausfall im Block verhinderte meinen gewohnten Morgen-Espresso zu trinken. Am Stand meinte sie "kein Licht"😅.

Die Spritpreise liegen übrigens bei ca 1/3 von unseren.


17. April

Endlich spielte das Wetter für den schon lange angekündigten Parkbesuch mit. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mir nicht allzu viel erwartet habe - einen netten Park halt. Ich wurde dann doch eines Besseren belehrt.

Der Park Galitskogo, benannt nach dem Milliardär Sergei Galizkiliegt im Nordosten Krasnodars. Galizki gründete 2008 den Fußballverein KS Krasnodar, mit dem er in der Saison 2024/25 den großen Durchbruch erzielte und russischer Meister wurde. Der erste Fokus beim Parkbesuch lag daher unweigerlich am, an das römische Kolosseum angelehnte und 35000 Menschen fassende Stadion. Eines der weltweit modernsten Stadien mit dem ersten installierten 360°C Bildschirm. Über Kunst, Geschmack und vieles andere lässt sich bekanntlich streiten, aber mich hat dieser Bau enorm beeindruckt. Die klaren Linien strahlen Ruhe, aber gleichzeitig unheimliche Kraft aus.

Im Park selbst sind Bäume aus der ganzen Welt gepflanzt, die Anlage ist harmonisch rund und spiralförmig angelegt (ein Blick auf die verlinkte Karte lohnt sich). Es gibt dort auch den schönsten japanischen Garten außerhalb Japans. Große und kleine Kunstwerke begleiten einen durch unseren 2,5 Stunden dauernden Rundgang. All diese Kunstwerke haben eine tiefe Bedeutung, welche mich sehr ansprechen. Zum Beispiel die griechische Göttin Gaia, welche die Welt beschützt und die Aufmerksamkeit auf die Vergänglichkeit der Zeit lenkt. 

Ich habe noch nie einen beeindruckenderen, gepflegteren und so viel positive Energie ausstrahlenden Park in dieser Größe gesehen.

18. April

Ich nutze den freien Tag wieder zum strukturierten Lernen und Schreiben des Blogs (um nicht alles zu vergessen).

Beim Deutsch-Stammtisch am Abend wurde über die Fraktur und Sütterlin gesprochen. Für mich interessanter waren aber andere Informationen:

  • Einer der Leute dort brauchte von Deutschland nach Krasnodar ganze 4 Tage, da der Flughafen wegen Drohnenangriffen immer wieder gesperrt ist.
  • VPN scheint oft nicht zu gehen, ich kann das mit meiner App AdGuard aktuell nicht bestätigen, hoffe das bleibt so. Diese Problematik mit freiem Internetzugang ist für viele der größte Kritikpunkt am System und schränkt natürlich die Kommunikation und Möglichkeit zu arbeiten ein. Mein VPN in die Firma ist übrigens auch gesperrt - dank eines qualifizierten Mitarbeiters haben wir eine andere Möglichkeit gefunden.
  • Es kommt beinahe täglich zu Drohnenwarnungen und Hubschrauberflügen zu deren Abwehr. Die Drohen- und Raketenwarnungen erhalte ich auch, Hubschrauber habe ich noch kein einziges Mal gesehen.
  • Grigory hat um 6.000.000R eine Wohnung gekauft, seine Frau bekam bei der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter 700.000R vom Staat und nochmal den gleichen Betrag vom Arbeitgeber (eine größere Bank).
  • Geldstrafen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen: 20-40km/h Überschreitung, bei Zahlung innerhalb von 20 Tagen 350R, bei mehr als 80km/h 7.500R
  • Alkohol am Steuer ist verboten - sofortiger Führerscheinentzug
So sieht der Drohnenalarm am Mobiltelefon aus:




19. April

Da das Wetter wie schon gewohnt nicht gerade mitspielt, verbringe ich den Tag mit Lernen und recherchieren - zumindest stressfrei und entspannt.

Highlight war der rohe Thunfisch beim Frühstück. Ich glaube der Kellner wollte wissen, ob roh oder gekocht, aber dazu reichten meine mickrigen Russisch-Kenntnisse bei weitem nicht 😅.

20. April

Nachdem der Kuban Kosaken Chor auf Tournee ist, hat mir Grigory Schwanensee als musikalischen Höhepunkt organisiert.

Diese Aufführung hat auch mich - nicht gerade ein Ballettliebhaber - begeistert. Ich denke Tschaikowsky hat mit dieser melancholischen, traurig-romantischen Musik ziemlich genau diese viel diskutierte "russische Seele" angesprochen. Neben der einzigartigen Melodie überzeugte mich auch ein perfektes, klassisches Bühnenbild, die hochwertigen Kostüme und natürlich auch die tänzerischen Leistungen. Es war schön zu sehen, dass es erhabene Größe noch ohne erzwungene  Dekadenz gibt.

21. April

Ich habe mir schon das eine oder andere Tattoo im Ausland stechen lassen - ist immer ein wenig mit Risiko verbunden. Aus Russland wollte ich nicht ohne dieses dauerhafte Andenken zurückkehren.

Ich fragte einen sehr stark tätowierten Kellner, ob er einen guten Tätowierer kennt, worauf er mir Maria empfahl. Idealerweise war ihr Studio nur ca. 30 Gehminuten entfernt. Nachdem wir über Telegram das Grobe geklärt haben, machte ich mich auf den Weg zu ihr. война́ и мир in kyrillischer Schrift sollte das zentrale Thema sein. Nach gut 3 Stunden war es vollbracht.

Das ein oder andere Nachstechen wird es noch brauchen, trotzdem mag ich das Tattoo jetzt schon - eine schöne Erinnerung!

22. April

Beim russischen McDonald вкусно - и точка (Lecker - und Punkt) mit Bic Mac

Burger King gibt es noch original

23. April

Heute hatte ich einen Traum. Es ging um ein altes und mächtiges Artefakt, welches von verschiedenen, sehr einflussreichen Gruppierungen auf äußerst brutale Weise  gesucht wurde - man ging über Leichen. Letztlich gelang es einer Gruppierung, dieses Artefakt so sicherzustellen, dass die Suche und Brutalität ein Ende nahm. Ich überzeugte zwei aus dieser Gruppe, nicht aufzuhören und uns weiter mit ähnlichen Fällen zu beschäftigen.

Nach dem Aufwachen erzählte ich es meinen Freunden, sogar einer aus der Volksschule war anwesend. Ich erhielt sofort verschiedenartigste Rückmeldungen über meinen Traum. Die einen, die von einem religiösem Artefakt sprachen, welches im Zusammenhang mit der Geburt Christi steht. Andere, die den Ursprung im römischen Reich sahen. Die Realos, die es für einen bedeutungslosen Traum hielten - ein Hirngespinst. Einige, die daraus eine Art Vorbestimmung ableiten wollten und noch ein paar weitere Wortmeldungen. Es waren sehr anregende Diskussionen. Erst da  wurde mir bewusst, in einem weiterem Traum gelandet zu sein. Der ursprüngliche Traum mit dem Artefakt war der Traum im Traum. Ich glaube diese Fähigkeit unseres Gehirns - sich mit Dingen unterbewusst zu beschäftigen und diese aufzuarbeiten - um den erlebten Stress abzubauen,  hilft physisch und psychisch gesund zu bleiben. Ich liebe meinen Schlaf und meine Träume!

Am Nachmittag besuchte ich an diesem Tag das ОЧОКОВО Werk, einen Getränkehersteller. Das Werk wurde größtenteils von deutschen (Brauerei) und italienischen (Abfüllung) Lieferanten aufgebaut. Amerikaner beobachteten über Satelliten nicht einordenbare Militärtransporte und riefen in Moskau an, ob sie darüber Bescheid wissen sollten. Sie konnten jedoch beruhigt werden - es handelte sich nur um einen Sondertransport auf sonst mit Raketen bestückten LKWs, der die in einem Stück in Deutschland gefertigten Tanks vom Hafen nach Krasnodar fuhr.

Die Firma ist bekannt für die Herstellung vom beliebten Kvass (einem alkoholfreien, kohlensäurehaltigen Malzgetränk) in Russland. Es schmeckt ein bisschen wie eine Mischung aus Cola und Kaffee. Die Kapazität beträgt 285 Millionen Dekaliter pro Jahr und 75 Alu-Dosen werden in einer Sekunde auf einer Produktions-Linie hergestellt. Eine kleine Bier- und Getränkeverkostung beendete die Führung.

24. April

Das letzte Wochenende vor meiner Abreise steht an, die Zeit ist sehr schnell verflogen.

Der Eingang in eine nette Bar. Allerdings ist nicht viel los zu der Zeit, in der ich am Weg bin.

25. April

Eine kleine Kosakenparade am Alexander Puschkin Platz. Normalerweise ist diese größer, heuer wurde sie auch zeitlich verschoben - eventuell wegen dem Wetter, möglicherweise auch aus anderen Gründen 🤔.

In jedem Fall hat es sich gelohnt dort hinzugehen, auch wenn wir leider nur mehr das Ende erlebten. Die Musikkapelle ist durchaus vergleichbar mit unseren traditionellen Musikkapellen.

Die rot-schwarzen Uniformen haben Stil und natürlich hat auch vieles Sinn und Bedeutung, so wie zum Beispiel die Farbe der Papacha (Kosakenmütze), die auf Don-, Kuban- oder Terek-Kosaken schließen lässt (vgl. O'Rourke, The Cossacks, Manchester University Press, 2007). Typisch sind auch ihre Säbel, die sogenannten Schaschkas (шашка), die ebenso wie die Uniform einen tscherkessischen Ursprung haben (vgl. Fedoseyev, Russian Weapons and Military Equipment, Pen & Sword).

Napoleon Bonaparte respektierte die militärische Stärke der Kosaken zutiefst (vgl. Lieven, Russia Against Napoleon, Penguin Books, 2010). Während seines Russlandfeldzugs 1812 solle er sie als die "beste leichte Kavallerie, die es gibt" bezeichnet haben. Sie trugen maßgeblich zum Scheitern des französischen Angriffs bei.

Diesen Stolz auf ihre Fähigkeiten und Traditionen erkennt man ihnen an.

Bei ungewöhnlich schönem  Wetter besuchte ich noch den Markt am Center Goroda. Das ein oder andere Souvenir konnte ich hier besorgen. Es gibt viele kleine Stände mit Billig-Ramsch aus China, aber auch traditionelle Handwerkskunst lädt zu einem Bummel ein.

Das Ganze wird begleitet von verschiedensten Aufführungen und Musikrichtungen.

Nicht anders als bei uns erkennt man, wie sehr die Menschen Frühling, Sonne und Wärme genießen.

26. April

Einkaufssonntag, diverse Souvenirs in verschiedenen Einkaufszentren besorgt - nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung. Man bleibt in dieser Einkaufshölle auch vor bekannten Geschäften und Marken nicht verschont.

27. April

Ich habe mir vorgenommen sowohl Unterricht als auch Arbeit in dieser kurzen Woche hinten anzustellen - geplanterweise und wenn alles klappt bin ich am Donnerstag wieder zu Hause.

Leider habe ich den gefühlt besten Sandwich-Stand Krasnodars erst vor Kurzem entdeckt, gönne mir diesen heute nochmal für zwischendurch.

Und dazu noch einen Bananen-Erdbeer-Smoothie.


Ich gehe davon aus, dass der aufmerksame Blog Leser erkannt hat, dass mir Kulinarik nicht besonders wichtig ist. Schmecken muss es mir und genug muss es sein. Diese 2-Bissen-Teller auf die ich eine Stunde warte sind nichts für mich 😅. Ich habe weltweit die Erfahrung gemacht, dass man in vielen einfachen Betrieben besser essen kann als in überteuerten Restaurants. Nur finden muss man diese (die "Natives" wissen das meist).

28. April

Letzter Unterrichtstag. Katja fordert mich bis zuletzt mit einem intensiven Supermarkt Besuch.

29. April

Fahrt nach Taman (ca. 220 km, 3 Std auf neuer Autobahn mit 110km/h), einer Halbinsel die das Asowsche vom Schwarzen Meer trennt und nur einige Kilometer von Kertsch entfernt ist. Der Name ist durch den ukrainischen Angriff auf die gleichnamige Brücke in den westlichen Medien vielleicht bekannt. Ewig lange Güterzüge und die aktiven Fliegerabwehr-Stellungen weisen auf die Wichtigkeit dieser Transportstrecke hin. Auch das gestörte GPS Signal und die damit verbundene, ungenaue Standortbestimmung ist ein weiteres Indiz.


In Taman sehen wir uns das authentische Kosakendorf Ataman an (Webseite). Wir hatten eine Führung von einer älteren Kosakin. Sie erzählte über die Ankunft der Kosaken in der Region 1792, die Lebensweise und Gebräuche (vor allem die Brautwerbung wurde detailliert besprochen, Reichtum wurde teilweise an der Anzahl der Polster am Bett gemessen). Vieles erinnerte mich an einen Tiroler Bergbauern Hof (Ofen, Bank, Stickereien). 


Jedes Kosakendorf hat einen zentralen Platz - den Maidan (aus dem türkischen), der Platz an dem alles passiert - auch Revolutionen - wie unsere Führerin sarkastisch anmerkt. Wie auch der Kahlenberg in Wien für mich ein besonderer Ort ist, ist es auch hier der Fall. Schnittpunkt so vieler historischer Ereignisse. Aktuell steht hier die russische Fliegerabwehr gegen ukrainische Drohnenangriffe, vor 80 Jahren war es der letzte Brückenkopf der Wehrmacht auf ihrem Rückzug. Osmanen, Tataren, Mongolen, Kosaken, Tscherkessen und noch wesentlich ältere Kulturen fochten um diesen fruchtbaren Platz am schwarzen Meer. Sehr ärgerlich ist, dass sich in 2 Tagen, am 1. Mai, hier sämtliche Kuban-Kosaken versammeln. Da wäre dann wirklich was los. Ein Grund warum ich wieder kommen muss. 


Weiters haben wir uns die älteste christliche Kirche der Region angesehen. Die orthodoxe Religion ist trotz Kommunismus tief bei den Russen verankert, bei den Kosaken umso mehr. Der Aberglaube an Hexen und Untote ist ihnen trotzdem geblieben.

30. April

Grigory holte mich mit einer halben Stunde Verspätung um 09:30 ab und bringt mich bei Staus und zähem Verkehr zum Flughafen (mehrere rote Ampeln wurden dabei auch überfahren 🙈). 

Nachdem ich leider am falschen Terminal eincheckte, musste ich raus und erneut am Terminal 2 einchecken. Nach insgesamt 4 Gepäck- und 5 Passkontrollen schaffte ich es doch noch rechtzeitig zum Abflug um 11:40. Der Flieger startete ziemlich pünktlich um 11:45 nach Istanbul. Der Umstieg dort verlief nach Plan, ich erreichte meinen Anschlussflug nach München.

Dort holte mich meine Tochter Heidrun mit dem Auto ab. Hier muss ich auf ihre Aufforderung hin ergänzen, dass ich sie nicht wie geplant angerufen habe, sondern nur mit einem Daumen nach oben, das Signal zum Losfahren gesendet habe. Zum Glück kennt sie mich auch schon ein paar Jahre ;-). Die Fahrt verlief unkompliziert und ich freute mich aufs Heimkommen.

Fazit

Mein erste Reise nach Russland hat meine Erwartungen erfüllt und in vielen Punkten übertroffen.

Die Menschen sind eher zurückhaltend, nicht aufdringlich, hilfsbereit, höflich, ruhig, interessiert,... im Gesamten ähnlich wie bei uns in - ich sage einmal Tirol/Österreich (auch wenn es da auch große Unterschiede gibt).

Das Klischee hässlicher Ehemann, schöne Ehefrau konnte ich bei der Mehrheit nicht feststellen. Meiner Wahrnehmung nach legen sie tendenziell mehr auf ihr Äußeres Wert, allerdings oft mit dem Hintergrund eher Reichtum als Schönheit zu zeigen. Das wird auch nicht als angeberisch gesehen. Prinzipiell überwiegt sicher noch eine eher konservative Einstellung, gerade auch das Männer-Frauen-Bild betreffend - was eigentlich insofern interessant ist, da der Kommunismus ja die Gleichstellung forciert hatte. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Krasnodar repräsentativ ist, aber geraucht und getrunken wird hier weniger als bei uns.

Russisch schlecht zu sprechen ist gar nicht so schwer, weil die Sprache in vielen Dingen einfacher ist. Keine Artikel, kein "sein", eine Vergangenheitsform, eine Zukunftsform, viele Lehnwörter. Wenn man die Sprache richtig lernen will, dürfte allein die richtige Anwendung  der 6 Fälle eine Herausforderung sein, auch wenn ich vermute, dass selbst die Russen das nach dem Motto "das Dativ ist dem Genetiv sein Tod" teilweise nicht so genau nehmen. Eines ist klar - Respekt und Höflichkeit ist den Menschen wichtiger als ein grammatikalisch richtig gesprochener Satz.

Die eierlegenden Wollmilchsau Staats-Apps und Internet Einschränkung sind für mich am meisten zu kritisieren. Dort wo entschieden wird, welche Informationen ein Staatsbürger lesen darf, hat die Freiheit aufgehört zu existieren. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen ungefilterten Informationen die auch Hass & Hetze, Fake-News und Schwachsinn enthalten können und es mir obliegt diese Informationen zu bewerten oder (natürlich nur gut gemeinter 😉) Zensur, würde ich Ersteres wählen.
Besonders nett habe ich den Ausdruck "Zahlen mit Lächeln" empfunden, einer Möglichkeit mit Gesichtserkennung (statt veraltet Karte oder Handy) zu bezahlen - naja.

Natürlich war auch Krieg Thema und die meisten sprechen ganz offen darüber. Geschwärmt hat keiner, aber die Notwendigkeit dafür sehen viele. Zwangsrekrutierungen wie in der Ukraine gibt es anscheinend nicht, weil der Anreiz vom Staat übernommener Privatkredite hoch genug ist. Allerdings befürchte ich, dass in Russland Stimmen lauter werden, die das - im Verhältnis zu vielen anderen Kriegen - zurückhaltende Vorgehen Putins vermehrt kritisieren und eine härtere Gangart fordern. Ich wünschte diese Kräfte treffen dann auf den Counterpart der Kriegstreiber in Europa - alle an die Front, die nach Eskalation schreien, aber das müssen dann ja andere übernehmen.

Die UdSSR hatte 1941 etwa 190 Millionen Einwohner. Deutschland unterschätzte die Mobilisierungsfähigkeit, die Tiefe des Hinterlandes und die Fähigkeit zur Neuaufstellung von Divisionen (vgl. Glantz/House, When Titans Clashed: How the Red Army Stopped Hitler, University Press of Kansas, 1995). Die Sowjetunion mobilisierte insgesamt etwa 34 Millionen Menschen während des Krieges (vgl. Bellamy, Absolute War: Soviet Russia in the Second World War, Knopf, 2007). Die deutsche Führung nahm an, dass der Verlust der westlichen Industriegebiete die sowjetische Rüstungsproduktion zusammenbrechen lassen würde. Stattdessen wurden über 1.500 Fabriken, Millionen Arbeiter und ganze Industrieanlagen hinter den Ural evakuiert. Ab 1942 produzierte die UdSSR mehr Panzer und Artillerie als Deutschland (vgl. Overy, Russia’s War, Penguin Books, 1997). Die Sowjets hielten Ausbildungsarmeen und ihre sibirischen Verbände zurück. Im Herbst/Winter 1941 erschienen diese frischen Truppen aus Sibirien vor Moskau, nachdem klar war, dass Joseph Stalin keinen japanischen Angriff im Osten zu erwarten hatte und brachten den Deutschen die ersten strategischen Niederlagen bei (vgl. Beevor, Stalingrad, Penguin Books, 1998).


Auch im aktuellen Russland-Ukraine Krieg predigt der Westen seit 2023 von Nachschubproblemen bei den Russen, vor allem im Artilleriebereich. Ausgegangen sind sie bis jetzt nicht, im Gegenteil die Produktion wurde massiv erhöht (Quelle z.B. The Guardian). Wenn man sich mit Russland anlegen will, sollte man vorher bedenken, welche Möglichkeiten Russland heute hat, auf welche Ressourcen es zurückgreifen kann und dass Russland mit China die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft als Partner hat. Geschichte wiederholt sich - zumindest zum Teil - aber die Menschen werden definitiv nicht schlauer! Die Wenigsten erkennen, wie sehr sich die geopolitische Gewichtung bereits verschoben hat. 

Aufgrund des Krieges sicher nicht gerade als das sicherste Land zu bezeichnen, gilt für die innere Sicherheit eher das Gegenteil. Die Kriminalitätsrate ist niedrig - vor allem in Krasnodar. Ich habe mehrmals beobachtet, dass Geldtaschen und Smartphones am Tisch liegen bleiben, um zu bestellen oder auf die Toilette zu gehen. Ursache sind unter Umständen verhältnismäßig hohe Strafen. Zwei Beispiele, die mir dazu erzählt wurden:

Eine sonst unbescholtene Studentin versteckte ein einziges mal Drogen für eine Freundin und wurde dabei erwischt => 8 Jahre Gefängnis.

Bei einem Raubüberfall auf einen kleinen Supermarkt nahm der Täter versehentlich die Waage statt der Kassa mit => 5 Jahre Gefängnis.


Ich bin mir sicher dieses Land wieder zu bereisen, um vor allem landschaftlich noch mehr Eindrücke zu gewinnen und die gefühlt unendliche Größe besser kennen zu lernen. Die Strafen für zu schnelles Fahren (welche ich weiter oben schon erwähnt habe) sprechen für eine Reise mit dem Motorrad  😅. Auf diesem die ca 11.500km nach Wladiwostok zu bestreiten, würde mich in jedem Fall reizen - und träumen darf man ja.

🙏🙏🙏Ich bedanke mich bei meiner Tochter Heidrun für das kritische Korrektur lesen und das Einfügen der Quellen, nachdem meine Aussagen allein scheinbar nicht vertrauenswürdig genug sind.

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